Katalogproduktion

eloQueBlogpräsentiert von Natalia Gershevskaya and Bettina Zippel


Rede Natalia Gershevskayas zur Ausstellung »Stille Wahrnehmung«

Der Ausdruck einer »Stillen Wahrnehmung« steht für mich für den Moment der höheren Konzentration und Entspannung zugleich, in dem das wahrgenommene sich komprimiert, sich bildhaft aus dem Nichts manifestiert und zum Kunstwerk wird.
In unserem alltäglichen Leben, nehmen wir nur die von uns geschaffene Umgebung war, wir »sehen« nicht, wir suchen nur nach Bestätigung für das, was wir bereits kennen.
Eine künstlerische Arbeit ruft aber in unserem Bewusstsein eine tiefere Ebene wach und wir haben durch diesen achtsamen Zustand die Möglichkeit, uns einer neuen Perspektive oder einer »weiteren Wahrheit« zu öffnen.
Der dänische Philosoph K.E. Løgstrup, Vertreter des Intuitionismus, eine philosophische Lehre, die der Intuition, dem Erlebnis und Gefühl einen Vorrang vor der kognitiven Ableitung und dem bloßen Denken gibt, beschreibt den idealen Dialog zwischen Kunstwerk und Betrachter: Das Kunstwerk wird betrachtet und löst im Betrachter eine Wirkung und ein Erstaunen aus. Künstler sehen es als ihre Aufgabe an, ihre Erfahrungen kontemplativ auf den Punkt zu bringen. Eine Idealvorstellung, der Künstler und Kuratoren anhängen, während die in unserer Gesellschaft innewohnende Flüchtigkeit der Materialität, die Bilder- und Klangüberflutung und das damit einhergehende »vorbeirauschenlassen« der Dinge zum Normalzustand geworden sind.
Etwas mit den Augen zu erforschen, ein „großes stilles Bild“ so Bazon Brock in Ruhe wahrzunehmen, ist eine Aufgabe, eher Ausnahme als Regel.
Das, was uns umgibt – Natur, Architektur, Menschen und Gegenstände – werden durch die künstlerische Sichtweise und durch den schöpferischen Prozess in einer neuen Perspektive betrachtet. Wenn Objekte von der ihnen zugeschriebenen Funktion befreit werden, wandeln sie sich zu einer unbekannten Erscheinungsform und werden von Rezipienten fast nicht mehr erkannt. Dadurch verschwinden die in der menschlichen Wahrnehmung existierenden Grenzen. Die festen Regeln, die uns helfen die Welt zu beschreiben und zu sortieren werden in Frage gestellt. Aber die sichtbare Welt wird reicher, die Möglichkeiten die Welt zu beschreiben und wahrzunehmen vermehren sich.
Die ausgestellten Werke behandeln diese Themen auf sehr subtile und »stille« Art.
Das Künstlerpaar Aleksej und Anna Gan (Анна и Алексей Ган) aus St. Petersburg präsentiert mit dem Projekt „Scenography“ 33 Graphiken, die Stationen eines Lebens durchspielen. 27 von ihnen repräsentieren Schemata von Umgebungen die den Menschen in dramatischen und sogar tragischen Zuständen portraitieren. „Mirrors“, eine Serie von sechs weiteren Arbeiten thematisieren den Neuanfang. Diese Spiegel – zuallererst plastische Reflexionen – sind ein Versuch einen mentalen Raum zur Klärung, Veränderung und Transformation zu schaffen. Dieser Raum wird plötzlich entdeckt, denn die Graphiken aus trockenem Öl verlocken zum Kontrollverlust und zur endlosen Phantasie. In dieser düsteren, schattigen Szenerie beginnt nach langer Betrachtung eine Navigation von Punkt zu Punkt und so spinnt sich ein Netz von unendlichen Wegen und Möglichkeiten, die Entscheidungen erfordern.
Mit dem Vier-Kanal-Video »Speicherkarten« von Kevin Pawel Matweew wird Betrachter zur einer endlosen Reise geführt. Mit dem Wort „Speicherkarten“ meint der Künstler einerseits das tatsächliche Medium auf dem das Videomaterial gespeichert wird. Andererseits ist damit sein mentaler Speicher, seine Erinnerungen und deren geografischen Bezüge gemeint. Die Abwesenheit von Tönen schärft das Gehör und erweckt eigene Tonkonstruktionen aus der Erinnerung. „Speicherkarten“ braucht Zeit um in einem erkenntnismäßigen Begriff zu münden, Zeit, denn der komplette Film geht über Stunden und ist daher für den Betrachter geradezu unerfassbar.

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Was kann Kunst?


Düsseldorf, den 11. Februar 2021 _ ng

(Ich beziehe mich auf wissenschaftliche Arbeiten zur Kunstvermittlung von Prof. Dr. Michael Bockemühl)
Kunstbetrachtung ist ein kreativer Prozess. Indem man ein Kunstwerk eingehend betrachtet und beschreibt, erschafft man ein Kunstwerk. Insofern fordert die Kunstbetrachtung und Kunstbesprechung das kreative Potenzial eines jeden Menschen.
Kunst ist frei, bietet unbegrenzte Interpretationsmöglichkeiten und eröffnet Assoziationsfelder.
Indem man sich der Bildbetrachtung frei- bzw. hingibt bilden sich neue Wahrnehmungsfelder aus. Demzufolge wird die Wahrnehmung im Arbeitsalltag geschärft, was wiederum zu Erhöhung der Produktivität führt.
Die Fähigkeit das Unbekannte in einem Kunstwerk zu entdecken, dies zu erforschen und in einem globalen Kontext zu sehen, schärft die Kapazität, ein übergeordnetes Verständnis des Zusammenhangs aller Phänomene zu entwickeln. Dieses aus der Kunstbetrachtung gewonnene Verständnis lässt sich auf die andere Bereiche -Wirtschaft, Soziologie, Beratung, Politik… - übertragen.
Die Reflexion eines Kunstwerkes bietet eine Chance, die Analyse (Ratio) und die Kreativität (Emotion/Intuition) zugleich zu erfahren und dies als eine Qualität des menschlichen Handelns zu verstehen und zu verinnerlichen.
Mit dem Verständnis des Prinzips vom freien künstlerischen Schaffen, wird ein der zentralen Begriffe vieler wirtschaftlichen Zweige - Transformation - als lebendig und greifbar widergespiegelt. Die Prinzipien der Gestaltung sind in allen Bereichern, sei es Wirtschaft, Soziologie, Kunst usw. identisch.
Eine konsequente und ganzheitliche Umsetzung der Gestaltung wird bei der detaillierten Bildanalyse durch folgende Begriffe erfahrbar: Komposition, Konzentration, Expansion, Gleichgewicht, Kontraste, Harmonien, Disharmonien, Verteilung der Kräfte usw.
Die individuelle Erfahrung aus einem Kunstwerk, getragen durch ein tiefes Verständnis, begleitet von einer emotionalen Schichtung der Sinnlichkeit, bildet eine Wahrnehmungsqualität heraus, die in alle Bereiche der menschlichen professionellen Tätigkeit integriert werden kann.

Rede Natalia Gershevskayas zur Ausstellung »Stille Wahrnehmung«



Der Ausdruck einer »Stillen Wahrnehmung« steht für mich für den Moment der höheren Konzentration und Entspannung zugleich, in dem das wahrgenommene sich komprimiert, sich bildhaft aus dem Nichts manifestiert und zum Kunstwerk wird.
In unserem alltäglichen Leben, nehmen wir nur die von uns geschaffene Umgebung war, wir »sehen« nicht, wir suchen nur nach Bestätigung für das, was wir bereits kennen.
Eine künstlerische Arbeit ruft aber in unserem Bewusstsein eine tiefere Ebene wach und wir haben durch diesen achtsamen Zustand die Möglichkeit, uns einer neuen Perspektive oder einer »weiteren Wahrheit« zu öffnen.
Der dänische Philosoph K.E. Løgstrup, Vertreter des Intuitionismus, eine philosophische Lehre, die der Intuition, dem Erlebnis und Gefühl einen Vorrang vor der kognitiven Ableitung und dem bloßen Denken gibt, beschreibt den idealen Dialog zwischen Kunstwerk und Betrachter: Das Kunstwerk wird betrachtet und löst im Betrachter eine Wirkung und ein Erstaunen aus. Künstler sehen es als ihre Aufgabe an, ihre Erfahrungen kontemplativ auf den Punkt zu bringen. Eine Idealvorstellung, der Künstler und Kuratoren anhängen, während die in unserer Gesellschaft innewohnende Flüchtigkeit der Materialität, die Bilder- und Klangüberflutung und das damit einhergehende »vorbeirauschenlassen« der Dinge zum Normalzustand geworden sind.
Etwas mit den Augen zu erforschen, ein „großes stilles Bild“ so Bazon Brock in Ruhe wahrzunehmen, ist eine Aufgabe, eher Ausnahme als Regel.
Das, was uns umgibt – Natur, Architektur, Menschen und Gegenstände – werden durch die künstlerische Sichtweise und durch den schöpferischen Prozess in einer neuen Perspektive betrachtet. Wenn Objekte von der ihnen zugeschriebenen Funktion befreit werden, wandeln sie sich zu einer unbekannten Erscheinungsform und werden von Rezipienten fast nicht mehr erkannt. Dadurch verschwinden die in der menschlichen Wahrnehmung existierenden Grenzen. Die festen Regeln, die uns helfen die Welt zu beschreiben und zu sortieren werden in Frage gestellt. Aber die sichtbare Welt wird reicher, die Möglichkeiten die Welt zu beschreiben und wahrzunehmen vermehren sich.
Die ausgestellten Werke behandeln diese Themen auf sehr subtile und »stille« Art.
Das Künstlerpaar Aleksej und Anna Gan (Анна и Алексей Ган) aus St. Petersburg präsentiert mit dem Projekt „Scenography“ 33 Graphiken, die Stationen eines Lebens durchspielen. 27 von ihnen repräsentieren Schemata von Umgebungen die den Menschen in dramatischen und sogar tragischen Zuständen portraitieren. „Mirrors“, eine Serie von sechs weiteren Arbeiten thematisieren den Neuanfang. Diese Spiegel – zuallererst plastische Reflexionen – sind ein Versuch einen mentalen Raum zur Klärung, Veränderung und Transformation zu schaffen. Dieser Raum wird plötzlich entdeckt, denn die Graphiken aus trockenem Öl verlocken zum Kontrollverlust und zur endlosen Phantasie. In dieser düsteren, schattigen Szenerie beginnt nach langer Betrachtung eine Navigation von Punkt zu Punkt und so spinnt sich ein Netz von unendlichen Wegen und Möglichkeiten, die Entscheidungen erfordern.
Mit dem Vier-Kanal-Video »Speicherkarten« von Kevin Pawel Matweew wird Betrachter zur einer endlosen Reise geführt. Mit dem Wort „Speicherkarten“ meint der Künstler einerseits das tatsächliche Medium auf dem das Videomaterial gespeichert wird. Andererseits ist damit sein mentaler Speicher, seine Erinnerungen und deren geografischen Bezüge gemeint. Die Abwesenheit von Tönen schärft das Gehör und erweckt eigene Tonkonstruktionen aus der Erinnerung. „Speicherkarten“ braucht Zeit um in einem erkenntnismäßigen Begriff zu münden, Zeit, denn der komplette Film geht über Stunden und ist daher für den Betrachter geradezu unerfassbar.


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