Welche Zukunft hat das Format »Digitale Kunstvermittlung« nach Corona?

Krefeld, den 31. Mai 2021 _ bz

Nach vielen Jahren der eigenen Vermittlungsarbeit im Museum, stand ich dem Format der digitale Führung skeptisch gegenüber. Ein Durchgang durch eine Ausstellung, ohne die Aura der Kunstwerke spüren zu können? Aber die Corona Beschränkungen mit der einhergehenden zeitweiligen Schließung der Museen ließen keine andere Wahl.
Also wage ich das Experiment und melde mich via »ZOOM« zu einem digitalen Rundgang durch eine Ausstellung an. Ich möchte erfahren, wie es sich anfühlt, als Teilnehmer eine digitale Führung durch eine Ausstellung zu erleben.

Mein erster Eindruck ist wider Erwarten positiv, denn ich sitze einer realen Person gegenüber, die die Teilnehmer ihrer Führung freundlich begrüßt. Die weiteren Gruppenteilnehmer bleiben mir verborgen und ich kann mich in der Folge auf die Kunst konzentrieren. Ein Blick in den Ausstellungsraum fungiert als Startbild auf dem Bildschirm und für mich stellt sich der Eindruck ein, als befinde sich die Vermittlerin in der Ausstellung. Tatsächlich sitzt die Kunstvermittlerin an ihrem Schreibtisch und wird sich in den nächsten 60 Minuten darauf konzentrieren uns die Kunstwerke näher zu bringen. Ich hingegen bin in der komfortablen Lage, es mir mit meinem Laptop auf meinem Sofa bequem zu machen; eventuell mit einem Kaffee oder Wein. Nach einer kurzen Einführung beginnt unser gemeinsamer Rundgang durch die Ausstellung.

Meine Befürchtungen, dass eine Computerästhetik überwiegen könnte, bestätigen sich nicht. Es ist vielmehr als würde ich einen Kunstkatalog durchblättern, aber eben unter fachkundiger Anleitung. Sicherlich ist es von Vorteil, Werke der Künstler*innen, die mir während der digitalen Führung vorgestellt werden, schon einmal im Original gesehen zu haben. So ist es auch bei der Betrachtung von Kunstwerken in einem Katalog, aber es funktioniert auch so. Die Abwesenheit anderer Menschen ist ungewohnt. Mir fehlen die Besucher, die sich mit mir, mit einem gemeinsamen Interesse an der Kunst im Museum eingefunden haben. Gleichzeitig wird der Durchgang jedoch damit fokussierter; es geht nur noch um die Kunstwerke im virtuellen Raum. Fährt die Kamera zwischen den einzelnen Werken hin und her, werden auch der Raum und die Proportionen erfahrbar. Wenn die Kamera sehr nah einzelne Details hervorhebt, sehe ich Dinge, die mir eventuell alleine verborgen geblieben wären. Immer mehr tauche ich ein in die Ausstellung und lasse mich durch die erfahrene Kunstvermittlerin von der Kunst und ihrer Zeit faszinieren. Zum Schluß bekommen die Teilnehmer die Möglichkeit kurze Fragen zu stellen. Ein minimaler Austausch ist also dennoch möglich, obwohl dies natürlich vor Ort sehr viel direkter ist.

Der digitale Durchgang durch eine Ausstellung ist eine wunderbare Möglichkeit, fundiertes Wissen und Hintergrundinformationen zu erlangen, sei es als Vorbereitung oder Nachbereitung eines Ausstellungsbesuches oder einfach dann, wenn Ausstellungsbesuche nicht möglich sind. Die reale Begegnung mit der Kunst sollte nicht durch eine digitale Führung ersetzt werden, aber immer dort, wo es nicht möglich ist, sei es in der momentanen Situation oder wenn das Museum schlichtweg nicht erreichbar ist, bietet die digitale Führung eine Alternative, die auch nach dem Wegfall der Corona Beschränkungen bestehen bleiben sollte.

Nach meinen Eindrücken als Teilnehmer einer digitalen Führung stellt sich nun die Frage, welche Erfahrungen Kunstvermittler*innen während eines digitalen Durchgangs durch eine Ausstellung machen? Auch sie stehen nicht vor den Originalen, sondern sitzen vor dem Bildschirm. Wie sehr fehlt ihnen die Aura des Kunstwerks während ihrer Vermittlungsarbeit? Und wie fühlt es sich an, durch eine Ausstellung zu gehen, ohne die Teilnehmer zu sehen? Normalerweise ist der Blickkontakt zwischen Kunstvermittler*innen und Besuchern*innen zentral; können die Teilnehmer mir folgen? Ich erfahre im direkten Gegenüber, ob mein Tempo zu schnell oder zu langsam ist. So erkenne ich z.B. durch ein leichtes Nicken der Teilnehmer, ob sie noch gedanklich dabei sind. Ich kann das Level einer Führung spontan runterfahren oder eben auch umgekehrt.
In einem Gespräch werden wir unsere Erfahrungen an dieser Stelle demnächst ausführlich austauschen und mit euch teilen.

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